endlose reflexionen

 

endlose reflexionen Installation – Holz, Farbe, 8 Lautsprecher, 4 Stereo Tonspuren

endlose reflexionen Installation – wood, plywood, paint, 8 loudspeakers, 4 stereo sound tracks

entre limites / zwischen grenzen, singuhr–projects, Goethe-Institut Mexiko

MACO Museo de Arte Contemporáneo, Oaxaca 2015

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Markus Steffens endlose reflexionen in Oaxaca

Kunst für konkrete Orte steht – sofern sie nicht permanent installiert wird – immer unter dem Diktum des Ephemeren, Flüchtigen und nur temporär Sichtbaren. Sie lässt sich nicht wie andere Werke der bildenden Kunst an einen neuen Ort versetzen, sondern reflektiert per se, in ihrer Gestalt, den Ort ihrer Präsentation. Das macht sie zu etwas Singulärem. Aus dieser speziellen Situation erwächst der Kunst „in situ“ aber auch ein hohes Maß an konzeptioneller Konzentration. Eine Arbeit für einen bestimmten Ort zu entwickeln heißt, diesen Ort zu lesen, seine Eigenschaften, seine Besonderheiten zu begreifen und seine Struktur, seine Funktionen und Rhythmen zu analysieren. 

Der Berliner Künstler Stefan Rummel tut dies seit vielen Jahren. Bereits Mitte der 1990er Jahre wandte er sich installativen Arbeiten, Environments und Klanginstallationen zu. Die Integration von Klängen und Geräuschen in seinen Werken versteht er als Erweiterung des bildnerisch-künstlerischen Materials ebenso wie als sensorische Öffnung. In Rummels Arbeiten sind die unterschiedlichen Medien, die verwendeten Materialien und Klänge, sensibel gegeneinander ausbalanciert. Für die formale Gestaltung greift er dabei häufig auf das vor Ort Gefundene und Beobachtete zurück, auf Trouvaillen wie besondere Geräusche und Klänge zum Beispiel, die er aufzeichnet oder auf bauliche Formen, die charakteristisch sind. Er wandelt diese ab, kombiniert sie auf ungewohnte Weise und verarbeitet sie zu eigenständigen, neuen Formen.

So auch in seiner Klanginstallation “endlose reflexionen / reflexiones infintas” für den Innenhof (Cubo Abierto) des Museo de Arte Contemporáneo de Oaxaca. Die Arbeit ist sowohl begehbares Objekt wie klingende Skulptur. Eine über sechs Meter hohe Konstruktion aus dunkelgrau lackiertem Holz steht frei vor der östlichen Wand des Hofes. Die Skulptur ist leicht vom Boden angehoben –  so scheint sie trotz ihrer Massivität zu schweben.

Ihre streng symmetrische Gestalt erinnert an Pyramidenbauten aus der präkolumbischen Zeit. Zehn steile Stufen führen nach oben, wo aus der massiven Basis eine freistehende siebenstufige Treppe bis zu einem Mauervorsprung kurz vor dem oberen Ende der ansonsten glatten Hofwand führt. Trotz ihrer imposanten Größe wirkt die Skulptur nicht wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil, es scheint fast so, als stünde sie schon immer hier, so klug ist sie in die Architektur des nach oben offenen Innenhofes integriert. 

Beim Hinaufsteigen verändert sich der Blick in den Hof. Der durch die Umgebungsmauern geschlossen erscheinende Innenhof öffnet sich. Die individuelle Perspektive verschiebt sich, je höher man steigt. Doch nicht nur dies: In unterschiedlichen Höhen sind Lautsprecher in die Skulptur integriert – zwei hoch oben am Ende der Treppe, zwei an der Frontseite auf Kopfhöhe links und rechts der Stufen, zwei auf der Rückseite (links unten und rechts oben) sowie zwei nach unten gerichtete Basslautsprecher am Boden im Inneren des Körpers, deren Schall sich seitlich ausbreitet und so den leichten, schwebenden Eindruck der Skulptur akustisch unterstützt. Ihre Klänge legen sich zunächst als eigenständige Schicht über die gesamte Skulptur, werden von den Wänden reflektiert und erfüllen schließlich den gesamten Innenhof. Einige dieser Klänge scheinen mehr oder weniger vertraut. Die meisten hat Rummel in der Umgebung des Museums selbst, in der Stadt, auf den umliegenden Hügeln und in den nahegelegenen präkolumbischen archäologischen Städten Monte Albán und Yagul aufgenommen und elektronisch bearbeitet. Einige  Aufnahmen stammen aus Mexiko-Stadt. Manche sind gerade so bearbeitet, dass man ihre Herkunft als Stadt- und Naturklänge oder als menschliche Stimmen noch erkennt, andere hingegen wirken viel abstrakter – dichte, bordunhafte Geräuschcluster etwa, die in sich zu rotieren scheinen oder rauschende Schichtungen mit fast perkussiven Schlaggeräuschen. Rummel kombiniert sie mit Klängen aus seinem umfangreichen Archiv, das bei ihm eine Art akustisches Gedächtnis darstellt, in dem er archetypische Klänge ebenso sammelt wie Klänge, zu denen es persönliche künstlerische Bezüge gibt. In der Komposition lässt er genügend lange Pausen und fügt dynamische Verläufe ein, sodass sich der Betrachter nicht immer sicher sein kann, ob er die Skulptur, die Geräusche der Umgebung oder die Reflexionen des Schalls aus dem Hof hört. Auch dies findet sich häufiger in den Werken von Stefan Rummel. Das Gewohnte erscheint behutsam verändert. Lässt man sich darauf ein, dann öffnen sich vielfältige Perspektiven. Ob man sich hoch oben am Ende der Treppe befindet und den gesamten Hof überblickt, ob man den schmalen, gestauchten Raum hinter der Pyramide betritt oder die Skulptur nur vom Eingang des Hofes betrachtet, die Skulptur stellt sich dem Betrachter immer anders dar und erschließt ihm so immer neue Räume der Interpretation und Reflexion. Der Titel der Installation – „endlose reflexionen“ – ist also durchaus im doppelten Wortsinne zu verstehen: als Summe der klanglichen Ereignisse vor Ort genauso wie als Gesamtheit der dadurch ausgelösten kognitiven Erfahrungsprozesse.

“entre límites / zwischen grenzen”, kuratiert von Carsten Seiffarth

Markus Steffens endless reflections

Art for concrete places – as long as it is not installed on a permanent basis – always stands under the dictum of the ephemeral, fleeting or only temporarily visible. Unlike other fine art pieces, it cannot be transferred to a new location but on its own reflects the place of its presentation. This makes it something singular. Yet out of this special situation a high degree of conceptual concentration evolves from this art “in situ”. Developing a piece for a specific place means reading this place, understanding its characteristics, its peculiarities and analyzing its functions and rhythms. 

Berlin-based artist Stefan Rummel has been doing just this for many years now. In the mid-1990s he turned his attentions to installative works, environments and sound installations. He sees the integration of sounds and noises in his work as an extension of the visual artistic material as well as a sensorial opening. In Rummel’s work, the different media, the materials and sounds used, are balanced out with a degree of sensitivity. For the formal design, he often falls back on things found and observed on site, on trouvailles such as special noises or sounds which he records, or structural forms that are characteristic. He adapts them, combines them in an unusual way and processes them into autonomous new forms.

These features also occur in his sound installation “endlose reflexionen / reflexiones infintas” designed for the inner courtyard (Cubo Abierto) of the Museo de Arte Contemporáneo de Oaxaca. The work is an accessible object as well as a sounding sculpture. An over six meter high structure made of dark grey varnished wood stands freely in front of the eastern wall of the courtyard. The sculpture is slightly raised from the floor – which makes it seem like it is floating despite its massiveness. 

Its strictly symmetric design is reminiscent of the pyramid structures of the pre-Columbian period.  Ten steep steps lead to the top, where a freestanding seven-step staircase emerges from the massive base and leads to a wall projection just in front of the upper end of the otherwise smooth courtyard wall.  Despite its impressive size, the sculpture does not seem like a foreign object. On the contrary, it almost seems as if it has always stood here, which attests to how clearly it is integrated into the architecture of the inner courtyard which has no top.

When ascending the stairs, the view into the courtyard changes. The inner courtyard, which seems to be closed on account of the surrounding walls, opens up. The individual perspective shifts the higher one climbs. What is more: loudspeakers have been integrated into the sculpture at different heights – two high up at the end of the stairs, two at the front at the head both to the left and right of the stairs, two on the back side (at the bottom to the left and at the top to the right) as well as two bass woofers at the floor in the interior of the body, whose sound waves disperse laterally, acoustically supporting the light, floating impression of the sculpture. 

At first, its sounds engulf the entire sculpture as an autonomous layer, are reflected from the walls and finally fill the entire inner courtyard. Several of these sounds seem more or less familiar. Rummel recorded and electronically processed most of them in the surroundings of the museum, in town, on the surrounding hill and in the nearby pre-Columbian archeological cities of Monte Albán and Yagul. Several recordings were made in Mexico City. Some are processed to the extent that their origins as urban or natural sounds or as human voices can still be recognized, whereas others seem far more abstract – dense, drone-like noise clusters that seem to rotate or layers with almost percussive beating sounds. Rummel combines them with sounds from his comprehensive archive, which serves him as a kind of acoustic memory in which he collects archetypal sounds such as those with personal artistic references. In the composition, he leaves enough long breaks and inserts dynamic processes, so that the observer cannot always be sure if he or she is hearing the sculpture, the sounds of the environment or the reflections of the echo from the courtyard. These, too, can be found quite often in Stefan Rummel’s works. The habitual seems to be gently altered. If one accepts this, then manifold perspectives open up. Whether one is high up at the end of the stairs overlooking the entire courtyard or whether one enters the sculpture only from the narrow, distorted space behind the pyramid or views the sculpture only from the entrance to the courtyard, the sculpture keeps presenting itself from different angles to the observer, offering the observer new spaces of interpretation and reflection. The title of the installation – “endless reflections” – is by all means to be understood in a double sense: as the sum of on-site sonic events and as the entirety of the cognitive learning processes it triggers.

“entre límites / zwischen grenzen”, curated by Carsten Seiffarth